Die Zukunft der Läden: Ohne Warteschlangen, ohne Kassen, ohne Bargeld?

Kategorie Innovation Radar

Überall auf der Welt entstehen kassenlose Geschäfte. Das Spektrum reicht von bereits am Markt laufenden Testläden wie Amazon Go bis hin zu Pilotprojekten wie Saturn Express oder Avec Box. Was für die Kunden eine immense Zeitersparnis bringt, bedeutet für den Anbieter einen Schatz an Kundendaten.

Ganz in der Nähe von CiRRUSOFT in San Francisco gibt es eine Amazon-Go-Filiale. Wir packen die Gelegenheit beim Schopf und besuchen das kassenlose Geschäft, das seit der Eröffnung in den USA für Furore sorgt und Modell für ähnliche Ladenkonzepte weltweit ist.

Kameras und Gewichtssensoren: intelligente Technik

Kurz vor Mittag treten wir also ein. Bevor wir uns ins ultimative Einkaufserlebnis stürzen können, müssen wir die Schranken im Eingangsbereich passieren. Sie öffnen sich erst, wenn man einen QR-Code aus der Smartphone App auf einen Scanner hält. Fortan folgen uns unzählige an der Decke montierte Videokameras auf Schritt und Tritt. Gewichtssensoren in den Regalfächern erfassen, was wir herausnehmen: Es gibt Getränke aus der Kühltheke, Chips aus dem Regal oder eine Tiefkühlpizza aus der Gefriertruhe – das typische Sortiment eines Convenience-Ladens.

Ebenso spannend ist es, die übrigen Kunden beim Einkauf zu beobachten. Einige schlendern gemächlich durch die Gänge, begleitet von der Pop-Musik im Hintergrund, und sind sichtbar angetan. Viele bestaunen die Regale mit den Schokoriegeln und Getränkedosen, als seien sie noch nie in einem Supermarkt gewesen. Touristen posieren für Fotos neben dem Kühlregal. Eine deutsche Familie, die gerade in San Francisco zu Besuch ist, hat den Laden gezielt aufgesucht, ähnlich wie die Golden-Gate-Brücke und die Gefängnisinsel Alcatraz.

Diebstahl unmöglich!

Es fühlt sich schon etwas seltsam an, im Supermarkt einfach alle Produkte in der Tasche verschwinden zu lassen, ohne sie vorher an der Kasse bezahlt zu haben. Doch weit und breit gibt es tatsächlich keine Kassen im Amazon-Go-Laden. Mit den Einkäufen in der Tasche verlassen auch wir nun den Laden durch die Schranke; einige Leute wirken ziemlich verunsichert und halten die Waren gut sichtbar etwas in die Höhe, als wollten sie irgendwem ihren Einkauf zeigen. Doch die Sensoren und Kameras haben längst erfasst, was man wirklich genommen und was wieder zurückgelegt hat.

Inzwischen ist es Mittag und es kommen sichtbar mehr Kunden. An der Schranke bilden sich zeitweilig kurze Schlangen – Geschäftsleute holen sich hier ihren Lunch und verzehren ihn auch gleich vor Ort, gibt es doch im Eingangsbereich auch eine Sitzecke. Da wird beispielsweise die eingekaufte Tiefkühlpizza ausgepackt, auf einen der bereitstehenden Wegwerfteller gelegt und im Mikrowellenofen erwärmt. Man schnappt sich noch Plastikbesteck und Serviette, und schon kann man in der kurzen Mittagspause alles an einem Ort erledigen.

Neugierig erkundigen wir uns noch beim Amazon-Mitarbeiter im Eingangsbereich, wie es denn mit Diebstahl aussieht. Er grinst nur und antwortet, dass man ja gar nichts stehlen könne – Kameras und Gewichtssensoren sei Dank. Wir schauen ihm noch kurz zu, wie er Kunden bei Fragen behilflich ist, und verlassen den Laden endgültig. Wieder zurück auf dem Gehsteig, schauen wir erwartungsvoll auf das Smartphone und tatsächlich, nach wenigen Minuten taucht auch schon die Rechnung in der App auf und die hinterlegte Kreditkarte wird belastet. Mission erfolgreich erfüllt!

Kassenloser Laden: Für manche Bereiche ideal

Will man als Kunde möglichst schnell einkaufen und benötigt keine Beratung, dann ist der kassenlose Laden ideal. Vor allem kleinere Supermärkte, Drogeriemärkte und Tankstellen-Shops können von dieser neuen Technologie profitieren, weil alle dort angebotenen Artikel eingepackt und für Kameras leicht zu erfassen sind.

Für andere Sparten des Einzelhandels ist die Technologie des kassenlosen Ladens hingegen nicht geeignet: Luxusboutiquen, Kleidergeschäfte und Buchläden etwa setzen inzwischen bewusst auf Verkaufspersonal und persönliche Beratung, um sich vom Online-Handel abzugrenzen. In solchen Geschäften geht es weniger um Schnelligkeit als eher um das gesamte Einkaufserlebnis.

Zukunftsmusik in Europa: Gesichtserkennung

Schauen wir nun auf Europa: Im Gegensatz zu Amazon Go, wo intelligente Kameras den Kunden folgen und der Sensor erkennt, welche Waren in den Einkaufskorb gelegt werden, will das Schweizer Handelsunternehmen Valora beim kassenlosen Ladenkonzept einen Schritt weitergehen: Die Kunden sollen die Hände für den Einkauf frei haben, indem Sie noch nicht einmal mehr das Handy herausholen müssen. Geplant ist auch der Einsatz von Gesichtserkennung, um bei Kaffeemaschinen und Tabakautomaten den Kunden personalisierte Kaufvorschläge zu machen. Noch ist offen, wann die Technologie eingeführt wird.

Ähnliche Überlegungen stellt auch Migrolino an. Die Migros Tochter plant Mini-Läden, die rund um die Uhr geöffnet sind. Tagsüber soll weiterhin Verkaufspersonal im Laden arbeiten, nachts dagegen aber der Shop zu einer Selbstbedienungsstation werden. Derzeit wird nach der besten Lösung für den Zugang zum Laden gesucht. Vorstellbar wäre, dass der Kunde mittels Smartphone oder Gesichtserkennung beim Betreten des Shops identifiziert wird.

In China werden Gesichtserkennungssysteme bereits eingesetzt. Die Kunden werden beim Verlassen des Ladens identifiziert und der Einkauf vom Konto abgebucht. In den USA sammeln Einzelhändler ebenfalls Erfahrungen damit. Dagegen sind die Anbieter in Europa deutlich zurückhaltender und setzen kaum auf die Technologie, weil das Datenschutzgesetz Grenzen setzt und die Konsumenten skeptischer sind. Beispielsweise braucht es laut Schweizerischem Datenschutzgesetz für den Einsatz von Gesichtserkennungssystemen das ausdrückliche Einverständnis der Kunden, weil die Herausgabe biometrischer Daten mit besonderen Risiken für die Betroffenen verbunden ist.

Vorteile: weniger Kosten, schnellere Prozesse, Öffnungszeiten rund um die Uhr

Eine Automatisierung des Ladens bringt Einzelhändlern aber auch ohne den Einsatz von Gesichtserkennung Vorteile gegenüber konventionellen Läden: Sie können damit Kosten sparen, den Kaufprozess rascher abwickeln und den Shop ausserhalb der regulären Ladenöffnungszeiten betreiben. Ausserdem können damit auch weniger frequentierte Lagen erschlossen werden. Wenn jeder Schritt des Kunden erfasst würde, könnten die Händler viel schneller verstehen, was in ihrem Laden geschieht und Produkte entsprechend anders aufstellen, nachbestellen oder die Preise anpassen, um in Echtzeit Rabatte vorzuschlagen, die den Kunden noch im Superparkt zum Kauf umstimmen. Auch Diebstahl liesse sich so vermeiden. Die Echtzeitinventur würde einfacher werden; für viele Unternehmen wäre das allein ein riesiger Vorteil, weil ihnen durch fehlerhafte Inventarlisten Umsätze entgehen. 

Welche Technologie sich letztendlich durchsetzen wird, steht noch offen. Vor dem Hintergrund der zahlreichen Vorteile für die Einzelhändler werden kassenlose Läden aber auch in Europa vermehrt Fuss fassen. In den nächsten zehn Jahren wird sich auf diesem Gebiet sicherlich noch einiges tun. Eine Rolle spielt dabei nicht zuletzt die Tatsache, dass jüngere Generationen gegenüber technologischen Entwicklungen grundsätzlich aufgeschlossener sind.

Wir sind gespannt!

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